So ein kleines Baby hat’s nicht leicht. Wird einfach aus dem Paradies geworfen, in dem es schon wochenlang viel zu eng war und muss sich mit der großen Welt befassen, die mit zunehmender Sehfähigkeit immer und immer größer und auch bunter wird. Dann kommen noch Koliken dazu (so ein armer Babymagendarmtrakt muss ja erst einmal eingestellt werden), ständig wollen einen tausend Leute begutachten und anfassen, die man noch nie gesehen, gehört oder gerochen hat, und ALLES, wirklich ALLES ist das erste Mal.

Aber so ein Babyleben hat natürlich schon auch schöne Seiten: von Mama oder Papa oder der großen Schwester getragen werden, bis man friedlich einschlummert – das erinnert an das Paradies, das man vor ein paar Wochen/Monaten noch kannte. Und essen – essen könnte auch wesentlich unbequemer sein, als fest an Mama gekuschelt.

Ich liebe es ja, mein kleines Wesen zu beobachten, wenn es seine Welt entdeckt, staune mit ihm, was es da alles spannendes zu entdecken gibt und versuche mich in ihn hinein zu fühlen, wie er gewisse Dinge wohl wahrnimmt und was er eben auch nicht wahrnimmt, weil er noch keinen Begriff dafür hat. Es gibt viele kleine Momente, in denen ich ihn regelrecht beneide, meinen kleinen Buddha, der vieles so selbstverständlich macht, was ich als erwachsener Mensch erst wieder mit viel Selbstdisziplin erlernen muss.

10 Dinge, die ich von ihm lernen kann:

1. Ihm ist das Wetter egal

Sonnenschein, Regen, -20 Grad – vollkommen egal. Weder hebt noch senkt das seine Stimmung und wenigstens einer in der Familie motzt nicht herum, weil es schon wieder geschneit hat oder draußen in Strömen regnet. Warum auch, mit den richtigen Klamotten und den richtigen Menschen an seiner Seite hat schließlich jedes Wetter seinen Reiz.

2. Er beginnt jeden Morgen mit einem Lächeln

Egal, wie der Tag davor war, egal, wie die Nacht war, er beginnt (fast) jeden Morgen mit einem Lächeln. Ich schaue ihn an und er grinst und freut sich wie ein Honigkuchenpferd, dass der neue Tag beginnt. Das ist so herzerwärmend und spannend zugleich. In ihm gibt es keinen Groll, keine Sorgen, keine übriggebliebenen Gedanken, keine Zukunftsängste. Es gibt einfach nur einen neuen Tag, den man mit einem Lächeln beginnen kann – warum auch nicht!?

3. Er lässt sich nicht unter Druck setzen

Wenn er heute etwas nicht lernt, dann lernt er es morgen. Was, die Bausteine sollen in bestimmte Formen hinein? Vollkommener Unsinn, wo es doch so lustig ist, die Steine aneinander zu schlagen, damit sie so schön klappern. Was, laut Plan soll ich nächste Woche den Pinzettengriff beherrschen? Das ist mir eigentlich ziemlich egal, ich greife pinzettenartig, wenn es mir passt! Ist es nicht herrlich, auf diese Art und in seinem Tempo die Welt erkunden zu können?

4. Er denkt nicht über die Zukunft nach

Er lebt einfach im hier und jetzt und beschreitet vollkommen unvoreingenommen jeden einzelnen Tag. Natürlich gibt es Tage, die mit besserer Laune behaftet sind und andere mit schlechterer. Aber es ist der Tag, wie er ist. Er macht sich keine Sorgen: oje, wie wird das in sieben Jahren mit der Schuleinführung? Er überlegt nicht: wenn ich in 10 Jahren genug Geld verdient habe, dann kann ich mir ein Haus kaufen. Er fragt sich nicht: mag mich die kleine Lisa von nebenan? Er plant nicht die nächsten Wochen und Monate voraus und schreibt keine To-Do-Listen für die kommenden Tage. Er lebt einfach in der Situation und lässt sich überraschen.

5. Er „sagt“ klar, was er will (oder eben nicht):

Was mir als Erwachsener so manches Mal verwehrt bleibt, ist für ihn als kleines Baby überhaupt kein Thema: ein Bedürfnis wird sofort kundgetan, egal ob es gerade „passend“ ist oder nicht. Und wenn es der Hunger in einer vollgestopften U-Bahn ist, dann ist es der Hunger in einer vollgestopften U-Bahn. Ich möchte auch so manches Mal in der U-Bahn losschreien: „Schokolade! Sofort!“ aber man gewöhnt sich die Bedürfniskundgabe dann doch sehr oft ab – leider!

6. Er bewegt sich ganz natürlich

Er achtet nicht darauf, wie er sich genau bewegen muss – er tut es einfach. Was geht, das geht und was nicht geht, geht vielleicht später. Alle Bewegungen sind abgestimmt mit seinem feinen Bewegungsapparat – keine verkehrten Haltungen, kein krummer Rücken. Was so mancher Erwachsener durch mühsames Training und spezielle Kurse wieder lernen muss, ist für ihn das Natürlichste von der Welt. Perfektes Sitzen auf dem Boden, was ich nur von Feldenkraiskursen kenne, stabiler Rücken beim Krabbeln – einzig, das Austarieren vom Gleichgewicht muss er noch manchmal ein bisschen üben, aber auch das wird er ganz natürlich in seinen Bewegungsapparat integrieren – es ist faszinierend!

7. Er kennt kein Geschlecht

Ganz unschuldig und mit großen Augen betrachtet er mich oder Papa, ganz ohne eine Vorstellung, was nun hinter der Begrifflichkeit „Mann“ oder „Frau“ steckt. Für ihn gibt es noch keine Geschlechterrolle die es zu erfüllen oder eben auch gegen die es zu rebellieren gilt. Er ist einfach er, geradezu geschlechtslos und wenn ich ihm rosa Kleidchen anziehen würde, dann würde es ihn auch nicht stören, Hauptsache es ist bequem, hat Bewegungsfreiheit und hält warm. Puppe, Auto oder Ball, Hauptsache, man kann reinbeißen. Farben und Formen, er denkt nicht in Schubladen – entweder er mag es, oder eben nicht, vollkommen unabhängig davon, was Gesellschaft oder Spielindustrie meint, für welches Geschlecht das jetzt auch immer vorgesehen wäre.

8. Er kennt keinen Besitz

Es gibt zwar Gegenstände, die er lieber hat als andere, aber er hortet keine Besitztümer. Er knabbert mal dieses an und mal jenes, aber wenn das im nächsten Moment nicht mehr da wäre, wäre es auch nicht schlimm. Er hat noch nicht einmal (bis jetzt) ein Kuscheltier, Schmusetuch oder ähnliches, ohne das es gar nicht geht. Sein Herz gehört nicht einem oder mehreren Gegenständen – sein Herz gehört der ganzen Welt und so lange es etwas zu entdecken, zu bestaunen und anzuknabbern gibt, ist er glücklich.

9. Er kennt keine Gefahr

Mutig stürzt er sich vom Sofa, inspiziert genauestens die Steckdose und greift nach dem höchsten und schwersten Buch, dass er gerade noch so in der Höhe zu fassen bekommt. In ihm steckt einfach noch dieses unerschütterliche Urvertrauen, dass ihm nichts passieren kann, dass Mama und Papa auf ihn aufpassen. Es ist irritierend aber auch unglaublich faszinierend, mit welcher Leichtsinnigkeit er die Gegenstände in seiner Umgebung unter die Lupe nimmt, weil er noch nichts in dieser Welt mit „Gefahr“ oder mit „Schmerzen“ oder mit „das könnte mir möglicherweise das Leben kosten“ verbindet. Auf diese Art kann er aber auch seiner Welt mit einer Neutralität begegnen, die ihm ein Entdecken erst möglich macht. Wo ich nur „Aua“, „Verletzung“ und „Tod“ sehe, sieht er nur „Kenne ich noch nicht – ein Zustand, den man schnellstens ändern muss!“ Mit einer solchen Einstellung würde mir so manche Expedition in der Welt wesentlich leichter fallen.

10. Er ist total unschuldig

Das ist so ein Allgemeinplatz, aber es stimmt wirklich! An der Art und Weise, wie er etwas tut merkt man sofort, dass er einfach total unschuldig ist. Er macht noch nichts mit Absicht, noch nichts um uns zu provozieren, noch nichts mit einem schelmischen, böswilligen, intriganten oder wie auch immer geartetem Hintergrund. Er tut, weil er es tut. Um seiner selbst willen. Nicht, um uns einen Gefallen zu tun, nicht, um jemand anderem zu schaden oder zu gefallen, sondern nur um zu tun, was er tut. Er kennt noch kein gut oder böse, weder an anderen Menschen noch an sich selbst – er unterscheidet nur zwischen „tut mir gut“ und „mau ich nicht“.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s