Ich schreibe selten einen Artikel in Wut, aber heute ist es soweit, und dabei kann ich noch nicht einmal festmachen, was daran mich eigentlich so wütend macht!

Was ist passiert? Eigentlich nichts weiter. Ich bin auf der Suche nach einem netten Lokal, in dem ich mit meiner vierköpfigen Familie frühstücken kann. Da eines dieser Köpfe noch ganz winzig ist und gerade mal 6 Monate auf der Welt, suche ich idealerweise ein Lokal, in das ich auch mit einem kleinen Baby gehen kann. Mir geht es nicht einmal darum, dass es jetzt eine Spielecke braucht oder einen Stillraum – ich möchte mich nur wohl fühlen und das Gefühl haben, nicht schief angeschaut zu werden, wenn ich da mit meinem kleinen Baby erscheine. Also lese ich Kommentare und Erfahrungsberichte zu Lokalen. Und wie ich da so lese stolpere ich über einen, der mich regelrecht entsetzt.

Familien mit kleinen Kindern sollten besser  zu Hause frühstücken und andere nicht mit ihren lauten, quängelnden Babys nerven.

Schluck.

Das war deutlich.

Und in mir steigt sofort richtige Wut hoch. Ich wünsche dir hundert Kinder, denke ich. Hundert kleine, nervige, richtig schwierige Kinder, denke ich. Hundert Kinder, mit denen du überall rausgeworfen wirst, denke ich. Hundert Kinder, die dich zwingen richtig, richtig viel Zeit zu Hause zu verbringen, denke ich. Viel Spaß beim Lagerkoller! Es macht mich wütend und traurig, dass Eltern suggeriert wird, dass mit ihnen etwas Falsch wäre, weil sie kleine Kinder haben, und sie deshalb in einem Frühstückslokal (immerhin geht es hier nicht um ein Haubenlokal!!!) nicht erwünscht seien. Es macht mich wütend, dass mir als Mutter eines kleinen Kindes suggeriert wird, dass ich besser zu Hause bleiben soll. Es macht mich wütend, dass es Leute da draußen gibt, die es lieber sähen, wenn ich mich zu Hause einsperre, anstatt mit meinem Kleinen die Stadt unsicher zu machen.

Gleichzeitig macht es mich aber auch stutzig. Was in unserer Gesellschaft verursacht Leute dazu, so etwas zu sagen/schreiben? Was legitimiert solche Aussagen? Was muss in einer Gesellschaft „falsch“ laufen, dass jemand so etwas sagt/schreibt? Ich kenne Kulturen und Gesellschaften, da wird mit kleinen Kindern anders umgegangen. Da ist fast jedes Lokal kinderfreundlich, hat Spielecken und Babys sind überall gern gesehene Gäste. Hierzulande ist das leider eher selten der Fall und ich sehe mich als Mutter noch gezwungen, vorher genau zu recherchieren, in welchem Lokal ich mein Baby wenigstens wickeln kann.

Isolation beginnt im Kopf

Ich bin wirklich entsetzt. Es trifft mich auch deshalb so sehr, weil ich mich mit meinem Kleinen tatsächlich isoliert fühle. Ich überlege mir jeden Weg dreimal, eben weil ich weiß, dass mein Kleiner auch mal schreit und zetert, wenn ihm etwas nicht passt. Eben weil ich weiß, dass es viele Leute für selbstverständlich halten, dass die Babys gefälligst ruhig zu sein haben und wenn sie das nicht sind, die Familien anstandshalber doch bitte gehen sollen.

Ich kann mich noch an eine Situation erinnern, wo ich mit meiner Familie Pizza essen war und der Kleine anfing zu weinen – noch wirklich ganz klein, noch nicht einmal zwei Monate alt. Also bin ich aufgestanden und habe versucht ihn zu beruhigen, bin mit ihm auf und ab gegangen und er hat aufgehört zu weinen. Strafende Blicke von allen Seiten. Mein armer Sohn wäre jetzt Halbwaise, wenn Blicke töten könnten. Ich konnte die Gedanken regelrecht hören: Warum ist die überhaupt hier, die soll gefälligst woanders hin gehen mit ihrem schreienden Kind. Nun, ich habe eine Information an alle, die solche Gedanken haben: es ist auch für mich nicht lustig, wenn er schreit. Es ist nicht so, dass ich mir denke „Hey, super, schreiendes Kind, ja, schrei ruhig ein bisschen lauter, damit du auch ja schön richtig vielen auf den Wecker fällst!“. Ganz im Gegenteil! Mein schreiendes Baby verursacht auch mir Stress und den Wunsch, dass es wieder aufhört, dass ich erkenne, was ihm fehlt, dass ich ruhig bleibe, um es nicht weiter zu stressen. Giftige Blicke und Aussagen wie „könnt ihr nicht einfach zu Hause bleiben“ sind da wenig hilfreich.

Aber … Aber … Er ist doch so süß! ❤

In all meiner Wut und in all meinem Unverständnis fühle ich mich ohnmächtig. Ohnmächtig, weil ich mir ja selbst tatsächlich darüber Gedanken mache! Ohnmächtig, weil ich es selbst nicht schaffe, das alles mit mehr Gelassenheit zu betrachten und mir zu denken wenn er schreit, schreit er und dann werde ich schaun, was zu tun ist. Ohnmächtig, weil ich mich durch so eine Aussage wieder darin bestätigt fühle, dass ich besser in meiner Wohnungsblase bleibe.

Aber ich will das nicht mehr! Ich will mich nicht vom Leben da draußen abkapseln. Ich möchte teilhaben, ich möchte dabei sein, ich möchte wieder ein Sozialleben pflegen – auch mit kleinem Kind und auch mal abseits von Stillkreisen und Krabbelgruppen. Ich möchte mich nicht verunsichern lassen durch fragwürdige Blicke, durch giftige Aussagen, durch Alles-hübsch-brav-bieder-und-vor-allem-leise-Einstellungen. Ich möchte hinausgehen in die Welt und schreien: Hey, Welt, ich habe ein Baby, schaut wie süß es ist, ok, momentan schreit und weint es gerade, aber es ist ansonsten sooooo süß! Ich möchte eingeladen werden, mitzumachen. Ich möchte nicht draußen bleiben – ich möchte reingehen!

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